Sabine Elender
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Aus

"Der Mann neben mir"

"Im Konzentrationslager war alles mein Trost, worüber die Nazis keine Macht hatten. Die Wolken, das Wetter, die Jahreszeiten, der Wechsel von Tag und Nacht. Die Wälder konnten sie abholzen, die Vögel im Flug töten, die Bäche umleiten oder ihr Wasser vergiften. Selbst Berge konnten sie sprengen. Aber der Mond, die Sonne, die Milchstraße, die Lichtschlangen und Trommelwirbel des Gewitters entzogen sich ihrem Zugriff."

"Dorthin", erzählt der alte Mann, "in die verbrecherlose Welt, bin ich in Gedanken übersiedelt. Tausendmal, jede wache Stunde. Das hat mich wahrscheinlich vor dem Untergehen bewahrt."

Er sagt das mit rätselhafter Heiterkeit in der Stimme. "Damals habe ich begriffen, dass es den Himmel wirklich gibt. Der ganz normale physische Himmel war und ist auch der Metaphysische. Für mich, der um Rettung flehte, war er das grenzenlose Paradies, die Zuflucht der Mühseligen und Beladenen zwischen Abend und Morgen und Morgen und Abend."

Dann greift er in die Innentasche seines Sakkos und zeigt mir einen Ausweis, den er selbst hergestellt hat. Darauf steht: "Himmelsbürger". Der Mann sagt: "Die der Hölle entronnen sind, gehören dem Himmel. Israel oder Amerika, Deutschland oder Syrien, das ist ganz und gar Erde. Ich tu so, als wäre ich geerdet. In Wirklichkeit bin ich gehimmelt. Das werden Sie vielleicht nicht verstehen. Aber ich bin zu alt und hab zu viel erlebt, um zu lügen."