Sabine Elender
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Die Sechziger.

Ein düsterer Beginn mit dem Bau der Berliner Mauer 61, Kubakrise 62 und Vietnamkrieg seit 64. Contergan-Skandal 61-70, Prager Frühling 68, Woodstock 69. Kulturrevolution in China, Ermordung J.F. und Robert Kennedy 63, Attentat auf Martin Luther King 68 - ein düsterer Ausklang.
Beatles, Op-Art, Kommune, Flower-Power, Minirock, Sit-in, Hippies, WG´s, sexuelle Revolution, LSD und Studentenrevolten. Davon bekam ich zwar rein altersmäßig nichts unmittelbar mit, aber das war bei uns zuhause ein dankbares Thema für endlose Debatten und Bedrohungsszenarien.
Weitere Stichworte: Tonbandgerät, Trabantenstadt, Easy Rider, Raumpatrouille, Mondlandung.




MEINE Sechziger

Ich gehöre zu einem der geburtenstarken Jahrgänge. Es wimmelte sozusagen von Kindern. Wirtschaftswunderjahre? Es wurde gekauft und gegessen und getrunken als stünde das Ende erneut bevor.
Die Städte waren zerbombt - Kiel auch - und es wurde gebaut wie verrückt. Die Straßen waren noch recht übersichtlich leergerupft, die Fotos wie die Zeitzeugen damals oft schwarz-weiß und Lärm war allerorten.



Meine Eltern hatten Mitte bis Ende der Fünfzigerjahre und auch noch in den Sechzigerjahren häufig Besuch, und der kam stets in Scharen dorthin, wo es gut und viel zu essen gab. Das war bei uns der Fall, mein Vater verdiente Geld und meine Eltern waren stolz, bewirten zu können. Unsere gesamte Wohnung maß 48 qm für 2 1/2 Zimmer, und in dem Wohnzimmer waren dann oft 8 - 10 Personen anwesend. Es war eng und verraucht und mir als Kind wurde das in den meisten Fällen zuviel, es waren ZUVIELE für mich auf so kleinem Raum. Man traf sich also zum Reden über die ehemalige Heimat und die noch vermissten Angehörigen, und zum Essen, das sich über Stunden hinzog.






Ich bekam mit fünf Jahren Brechdurchfall - so schlimm, dass ich ins Krankenhaus musste. Meine Erfahrungen dort führten zu meinem Wunsch, später Arzt zu werden. In einem Krankenhaus. Anderen helfen. Andere Kindern heilen.

Im Laufe des ermüdenden psychischen Überlebenskampfes verblasste dieser Wunsch allmählich. Jahre können so unendlich lang sein und so unendlich vergessen machen. Aufgrund dieser Erkrankung wurde ich ein Jahr später als "normal" eingeschult. Dieses Jahr wurde für alle Beteiligten eine Tortur, denn ich war neugierig, unbeschäftigt und dadurch quengelig.


Als ich dann ENDLICH ENDLICH zur Schule gehen durfte, wurde ich die weibliche Klassenbeste. Es machte mir Spaß und fiel mir leicht. Mit dem männlichen Klassenbesten durfte ich am Ende des 1. Schuljahres mit einem kleinen Vortrag die jetzigen Neuen begrüßen. Was für ein Ereignis! Wie sich meine Eltern freuten!

Aber die nächste dunkle Wolke kam. Ganz sicher. Ich war ja immer noch so zart und zerbrechlich.... Auf die Idee, dass das meine ganz natürliche Konstitution - zartgliedrig und schlank - war, wollte niemand kommen. Ich wurde also im 2. Schuljahr für 6 Wochen zur Erholung in die "Nordseeheilanstalt St. Peter Ording Goldene Schlüssel" verschickt. Also in einen Sammeltransport gesetzt und am Ziel ausgespuckt. Es wurde die Katastrophe in meinem Leben. Ich will nicht sagen, dass sich danach ALLES änderte, aber fast alles.

Ich war eines von den Vielen und erlebte dort körperliche Gewalt von älteren Kindern und verbale Gewalt von den blutjungen Erzieherinnen. Meine Eltern, denen ich davon erzählte, haben mir das nicht geglaubt. Und mich dort gelassen bis zum Ende. Weil sie den Ärzten nicht widersprechen wollten. Und schließlich sollte ich ja auch abgehärtet werden.




Dort zerbrach ich innerlich. Ich wurde bepöbelt und verprügelt von den anderen älteren Kindern und als ich das meinen Eltern erzählte, ließen sie mich einfach trotzdem dort. Sie besuchten mich einmal und meine Mutter entlockte mir das Schlimmste, während die Täterkinder dabei waren, ihre Schandtaten mit anhörten und ich hoffte, mit nach Hause zu dürfen.
Mein Vater filmte bei ihrer Abreise meine Tränen, die ich verzweifelt am Fenster vergoss. Sie waren den Obrigkeiten hörig, die darauf bestanden, mich dort zu behalten. Sie kannten es nicht anders.

Ich zog mich ganz zurück in meine Phantasiewelt. Ab jetzt bestimmte die Angst vor anderen Menschen mein Leben in allen Bereichen. Ein Leben im Eisglaskäfig, beherrscht von Vermeidung, Distanz, Kontrolle, Zwang, Perfektion, Angst und Alpträumen.

Mühsam errichtete ich die Fassade, "normal" zu sein, um Himmels willen nicht aufzufallen, damit das Thema "Ins Heim geben" oder "Schleswig" (fürs Irrenhaus) nur nicht wieder virulent wurde. Eine wichtige Frage konnte ich nicht beantworten: "Wer ist ICH?"

In der Schule kam ich mit dem Lernstoff noch einigermaßen gut zurecht und konnte das Verpasste nachholen. Das Zwischenmenschliche, die Freundschaften, die geschlossen worden waren, das alles hatte ich verpasst. Das war gelaufen. Die Freundschaften, die ich mir vor meiner Verschickung regelrecht erkämpft hatte, waren zugunsten Anderer aufgelöst worden. Meine Eltern merkten nichts. Mir war klar: Sie DURFTEN nichts merken, sie hätten mich ohnehin nicht verstanden. Und obwohl aus Kleinkinderzeit stammend, erinnerte ich die schlimmste Drohung: "Dann holen sie dich (fort von hier)". Nun musste ich lernen und so tun als ob alles in Ordnung war.

Nichts war in Ordnung. Nachts hatte ich schlimme Alpträume. Jahrelang. Tagsüber kämpfte ich gegen das, was heute als traumatisiert realistischer beschrieben werden würde. Aber damals begann schon das "Du hast zu funktionieren!" Zu meinen Mitschülerinnen bekam ich keinen Zugang mehr, ich war schreckhaft, misstrauisch und zurückgezogen geworden. Nicht mehr wie jemand, den man zur Freundin haben möchte. Ich igelte mich in mich selbst ein.

Die Entscheidung Gymnasium oder nicht stand an. Ich wollte gern weiter lernen. Meine Mutter war der Ansicht "Wenn das JEDER wollte...". Das war ein Nein. Meine Grundschullehrerin beknetete meine Mutter so lange, bis die endlich zustimmte. Nicht, ohne einzuschränken: "DU wolltest ja auf die Oberschule, Mama und Papa können dir nun nicht mehr helfen". Hatten sie nicht gemerkt, dass sie mir noch nie geholfen hatten? Tja, nun war ich auch lernstoffmäßig völlig auf mich allein gestellt.

Kinderbild 'Haus-Baum-Weg 1'

Mein Haus, mein Baum, meine Leere, meine Angst




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    Dinge, die man als Kind geliebt hat, bleiben im Besitz des Herzens bis ins hohe Alter.
Das schönste im Leben ist, dass unsere Seelen nicht aufhören an jenen Orten zu verweilen,
wo wir einmal glücklich waren.

Khalil Gibran