Sabine Elender
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  • Meine Mutter ist auf dem Land groß geworden, sie besuchte die Schule in Birkholz, Kreis Dramburg in Pommern.
    Bis zum Ausbruch des Krieges arbeitete sie in der elterlichen Landwirtschaft.


    Sie hatte eine Schwester, Käte Rhode, geboren am 20. September 1924.


  • Lebensdaten meiner Mutter

  • Am 1. September 1939 begann der 2. Weltkrieg

  • 1939-1944 Kriegsdienst in der Ziegelei Grünberg bei Falkenburg

  • 1949-1941 Besuch der Landwirtschaftsschule in Falkenburg

  • 1941-1942 Hauswirtschaftslehre in Güntershagen

  • 1942-1943 Wirtschaftsleiterin auf der Domäne Linde in Rathenow

  • 1943-1944 Kreisjugendwartin in der Kreisbauernschaft in Falkenburg

  • 1944-1945 beschäftigt in der elterlichen Landwirtschaft, ab der Eheschließung auf der Landwirtschaft in Schmalzenthin

  • Am 8. Mai 1945 ist der 2. Weltkrieg zu Ende.

  • Vom 9. Mai bis zum 16. April 1946 stand das Land unter polnischer Verwaltung

  • Mit einem der zahlreichen Flüchtlingstrecks kam meine Mutter im zerbombten Kiel an. In Trümmer und Schutt und Zerstörung und Verachtung der Einheimischen. Verfrachtet in Barackenlager, die nur das Allernötigste für ein menschenwürdiges Leben boten, gebaut aus dünnen Brettern und Wellblech.
    In der Zeit vom 26. April 1946 bis zum 7. Juli 1953 lebten sie (mein Vater kehrte am 19. Juli 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück)sie in der Barackensiedlung Eckernförder Chaussee, bis sie am dem 8. Juli eine Wohnung in Kiel-Wellingdorf beziehen.

  • Diese Wohnung, in der sie bis zu ihrem Tod wohnten, und der Wohnort an sich, sind ihnen jedoch nicht zu einer Heimat geworden. Den Verlust ihrer früheren Heimat in Pommern haben sie niemals verwunden.

    Sie besuchten regelmäßig stattfindende Pommerntreffen und trafen sich ausschließlich mit anderen Vertriebenen. Das Thema "Heimat" war Thema von morgens bis abends, sie interessierten sich für nichts anderes. Sie konnten nicht mal den Gedanken denken, dass es für sie kein Zurück mehr geben würde.

    In den Siebzigerjahren fuhren sie einige Male nach Pommern, dem jetzigen Polen. Die ersten innerhalb einer Reisegesellschaft, folgende Fahrten dann mit dem eigenen Auto. Mithilfe einer Dolmetscherin, die sie auf allen ihren Sehnsuchtsorten begleitete, bekamen sie guten Kontakt zu den jetzt dort lebenden Menschen. Was muss das für ein Gefühl für sie gewesen sein: In dem Haus, in dem sie glücklich waren und das sie zwangsweise verlassen mussten, lebten nun fremde Menschen.

    Im Jahr 1987 fuhren mein Mann und ich gemeinsam mit meinen Eltern mit einer Reisegesellschaft nach Polen. Damit hatten wir ihnen ihren großen Wunsch erfüllt. Wichtig war meinen Eltern, dass ICH ihre alte Heimat sah, das was mir mal gehört hätte, wenn.... Aber ich hatte keinen Bezug dazu, mir war alles fremd, ich hatte keine Erinnerung, an die ich hätte anknüpfen können. Mich haben die simplen, zurückgebliebenen Verhältnisse sehr gestört. Und meinem Mann und mir war schon klar, dass das alles verloren und unwiderbringlich weg war. Die Landschaft, die Stille, diese klare Schönheit, ich war ergriffen, aber es blieb der einzige Besuch für uns.













  • Seit ich mich erinnern kann, litt meine Mutter unter starken Ängsten, die sich nicht vertreiben ließen. Um diese einigermaßen aushalten zu können, musste sie sich diese Ängste immer aus dem Leib reden. Der einzige Mensch, der immer greifbar war, war ich. Und so erinnere ich diese Phasen als diffus wabernde dunkle, alles durchziehende Düsternis.
    Ich habe erkennen müssen, dass sie sich niemals eine Vorstellung davon machen konnte, wie zersetzend diese Erzählungen und ihr Ausagieren ihrer Borderlinigkeit auf mich gewirkt haben. Sie sagte, wir sollten darüber ein weißes Tuch des Schweigens breiten.







  • Meine Mutter litt an Depressionen, auch das war mir erst sehr viel später klar. Damals sprach man über "sowas" nicht. Kurios und wenig hilfreich die Antwort ihres Hausarztes, nachdem sie ihm ihre Qual geschildert hatte: "Sie DENKEN zuviel". Es war derselbe Arzt, der den Rat erteilt hatte, schreiende Säuglinge sich selbst zu überlassen, bis sie von selbst aufhörten.




  • Die meisten Botschaften, die ich erhielt, waren zwischen den Worten zu finden, denn das war die Art von Kommunikation, die in unserer Familie herrschte. Was wichtig war, wurde umkleidet, nicht ausgesprochen, vieldeutig auslegbar konstruiert. Das war wichtig um sich immer wieder dem Konkreten zu entziehen.
    Das folgende ist eines der beiden Dokumente, in denen sie ihre Vorstellungen von einer Mutter-Tochter-Beziehung beschrieb.





  • Und wenn es nur manchmal nur Minuten waren, ich habe sie genossen. Diese Momente, in denen wir uns nah waren.